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LESEN LOHNT SICH.
Der Protagonist und die Protagonistin, nennen wir sie „Er“ und „Sie“, kannten sich erst seit ein paar Monaten, auf der „man kennt sich halt“ Basis. Seit sie vor ein paar Wochen ein komplettes Wochenende zu ihrem eigenen gemacht hatten standen sie in nahezu täglichem Kontakt zueinander. In ihrem Rücken lagen ca fünf Wochen Sommerferien und unzählige wie unendliche Telefonate. Die „man kennt sich halt“ Basis war zu einer tiefen und vor allem ehrlichen Freundschaft gereift. Wozu den Anderen auch anlügen, er wohnt ja sowieso zig Kilometer weit weg? Heimlich still und leise jedoch hegte jeder der beiden Gefühle für das Gegenüber, die noch über eine Freundschaft hinausgingen. Allerdings rechnete sich keiner der beiden sonderlich große Chancen beim anderen aus, es sprach zudem noch alles gegen eine Beziehung, von der Entfernung einmal ganz abgesehen. Zu tief waren da noch Wunden aus vergangenen, aber nicht vergessenen Beziehungen, sie stand vor dem letzten Schuljahr auf dem Gymnasium, er vor der Fachhochschulreife. Er hatte sich selbst eine mindestens sechsmonatige Beziehungssperre verordnet, er wollte nicht den gleichen Fehler begehen wie davor, unüberlegt in irgend etwas hineinzupurzeln und beide wollten keinen gerade gewonnenen besten Freund verlieren. Also schwieg man sich lieber an.
Zum Ende einer ziemlich kontaktreichen Woche [dem Schülerferienticket sei dank] besuchten sie zu zweit die Abschlussveranstaltung einer Kinderfreizeit in ihrem Nachbarort, an der sie ursprünglich einmal beide als Mitarbeiter teilnehmen wollten.
Da man Freitagabends schlecht aus niederfränkischen Käffern weg kommt, war eine Übernachtung seinerseits bei ihr mit eingeplant, inklusive Nachtspaziergang, wovon die beiden aber niemandem etwas erzählten. Ihr Vater pflegte eine recht unorthodoxe Art mit solchen „spinnereien“ umzugehen.
Die Abschlussveranstaltung gestaltete sich zu einem Kindergeburtstag bei dem keine Personen zweier Geschlechter an einem Tisch sitzen können ohne ein Paar zu sein, was die Protagonisten postwendend genauso heftig dementierten wie gefragt sie wurden. Der Abend ging rum, die Nacht brach an. Man hatte sich vorgenommen um zwei auf die Straße zu gehen, er hatte in einer der endlosen Telefonate einmal erwähnt, er wollte schon immer mal Nachts durch einen Ort spazieren. Die Gelegenheit schien günstig, der Mond auch. Man stiefelte in der Dunkelheit herum, saß auf Kinderspielplatzschaukeln und hatte Angst. Aus dem benachbarten Wald kam nämlich mitten in der Nacht Kindergeschrei. Man verzog sich also auf eine Mülltonne, nicht ohne dabei gehörigen Lärm zu machen. Es war eine sternklare Nacht und da man sowieso die ganze Zeit schon am Kuscheln war [die Nacht war genauso sternenklar wie kalt] bot der Junge dem Mädchen an, ihren Kopf auf seinen Schoß zu legen. Da lag sie nun, die für ihn schönste Frau der Welt. Der Mond schien ihr ins Gesicht, die Straßenlaterne kaum, die Sterne funkelten, sie lächelte zufrieden… Lange hielt der Junge das nicht aus. Er musste sie einfach küssen. Er hatte Angst davor, traute sich nicht, aber ach was, das hatte doch schon mal geklappt, na und was wenn nicht, egal dachte der Junge.
Drei. Zwei. Eins. Kuss.
Sie erwiderte. Nicht.
Auf einmal sah die Protagonistin ihren besten Freund so wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Sprachlos, rumstotternd, völlig confused. Man entschied sich dann dazu wieder ins Haus zu gehen, dort weiter zu kuscheln und das ganze irgendwie versuchen wortlos zu übergehen.
Achtzehn Stunden später, man hatte den Tag irgendwie in ständiger Berührung und zaghaftem Händchenhalten verbracht, tauchte man bei einer Geburtstagsfeierlichkeit auf zu der man tags zuvor eingeladen worden war. Die Gästeliste bestand weitestgehend aus Mitarbeitern der oben erwähnten Kinderfreizeit und dementsprechend war die allgemeine Reaktion. Zwei Menschen, die kaum 24 Stunden zuvor heftigst sämtliche Gefühle füreinander geleugnet hatten marschierten doch tatsächlich Hand in Hand herein.
Nach drei stunden hielt ein sehr sehr dummes/intelligentes Mädchen das alles nicht mehr aus und fragte die Frage, die überdimensional im Raum stand.
„Tschuldigung das ich frage aber… seit ihr jetzt doch zusammen oder was?“
Die Protagonisten begannen zu schwitzen, diese Frage war nämlich noch nicht geklärt worden. Dementsprechend die Antwort.
Er: „Ja.?!“
Sie: „NEIN!?“
[Umstehende Personen: „[…..]“]
Das Mädchen betete der Junge [und sekundär auch alle umstehenden Personen] habe jetzt doch bitte die Ironie in ihrer Antwort erkannt. Hatte er auch. Irgendwie. Trotzdem.
Umgehend wurde ein weiterer Spaziergang anberaumt, es gab da gehörigen Klärungsbedarf. Während man dann so nebeneinander her ging, genau wusste was man zu bereden hatte, fiel keinem der beiden ein entsprechender Einstieg in ein vermutlich folgenschweres Gespräch ein. Bis er es einfach nicht mehr aushielt. Er sagte lediglich „So jetzt bleib mal stehen.“ Nahm sie bei den Schultern und küsste sie. Sie erwiderte.



Das ganze ist jetzt genau auf den Tag sechs Monate her.
Es hat nicht eine einzige Krise gegeben.
Die anfänglich aufgezählten Punkte die gegen eine Beziehung sprechen haben sich zwar als zum Teil ziemlich schwere- aber nicht als unüberbrückbare Hindernisse herausgestellt.
Man ist glücklich wie am ersten/zweiten Tag [das entscheidende „Gespräch“ fand um elf Uhr Abends statt, arg viel übrig war dann da nicht mehr vom „ersten Tag“] und auch darüber jetzt ein halbes Jahr zusammen zu sein.
Er: „Schon toll. Endlich ein paar Monate da hinter uns. Jetzt sind die „ach wie süß, ganz frisch“ Kommentare weg und so langsam glauben auch mal die ewigen Deppen an was ernstes. Also sprich unsre Beziehung wird äh…langsam… ääh…“
Sie: „AK.ZEP.TIERT.“
Er: „Genau :D“
1.3.08 18:05


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